Warum Rassismus uns alle angeht

Bei den Kinderwelten 2022 ging es auch um das Thema Diversität und Theresa Ebel (Head of Empathy, september Strategie & Forschung) warf in ihrem Vortrag einen genauen Blick auf die Stolpersteine und die Eigenverantwortung auf dem Weg zu Toleranz und Vielfalt. Lesen Sie nachfolgend den Artikel, schauen Sie sich den Mitschnitt als Video an und klicken Sie für Details in die pdf.

"Dass wir an der Dekonstruktion diskriminierender Stereotype arbeiten müssen, ist unumstritten. Unser persönliches Warum hilft dabei, die eigene Mission und den individuellen Beitrag zu stärken. 

Wir wollen uns heute mit einer bestimmten Facette von Diskriminierung beschäftigen, dem Thema 'Alltagsrassismus'. Als ich angefangen habe mich mit diesem Thema zu beschäftigen, war mein erster Gedanke: 'Mit mir hat das eigentlich nicht so viel zu tun!' Denn ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, der (für die 80er- und 90er-Jahre) relativ unkonventionell war. Meine Mutter war die Hauptverdienerin, mein Stiefvater war Künstler, ein Achtundsechziger und in einer Band, mein Bruder war Punk. Von daher dachte ich, ich wäre gegen Alltagsrassismus gefeit, denn ich lebte ja in einem total liberalen, offenen Haushalt. 

Der Alltagsrassismus aus der Kindheit prägt die Wahrnehmung 

Aber wenn ich darüber nachdenke, mit was ich mich seinerzeit beschäftigt habe, wer meine Vorbilder waren, was ich gelesen und gesehen habe, dann zeigt sich: Da war sehr Vieles, was Diskriminierung beinhaltete: Bei Pippi Langstrumpf war der N*König noch ein Standard, die Oma verteilte N*Köpfe und in jedem Restaurant gab es noch das Z*Schnitzel. Das hat man seinerzeit alles völlig unhinterfragt hingenommen, und es hat die Sozialisation ganz stark mitgeprägt. 

Wir gehen normalerweise davon aus, dass unser 'Erwachsenes Ich' geprägt ist durch Werte, Normen und das Wissen darüber, was richtig und falsch ist. Was wir aber nie vergessen dürfen: Wir sind nie nur unsere erwachsene Hülle, denn alle früheren Instanzen sind nach wie vor wirksam – das heißt, auch das innere Kind ist noch in uns wirksam – wie bei einer Matroschka-Puppe. Was dieses innere Kind als 'normal' erlebt hat, ist auch für uns noch normal und was uns als Kind fremd war, nehmen wir letztlich auch später noch als fremd wahr. 

Diversity ist noch lange nicht selbstverständlich 

Wie viel Alltagsrassismus noch in der Gesellschaft zu erleben ist, verdeutlichen die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, die september Strategie & Forschung unter rund 2.000 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren durchgeführt hat. Das Ergebnis: 21 Prozent der Befragten glauben immer noch, dass sich Menschen auf Basis von 'Rasse' unterscheiden. Ein Fünftel der Bevölkerung glaubt also an eine Theorie aus Kolonialzeiten - übrigens nicht nur in bestimmten Schichten, sondern über alle Bildungsschichten hinweg. 

Ein weiteres Ergebnis: Wenn es darum geht, sich mit der eigenen Kindheit zu befassen und das zu hinterfragen, was man damals als schön und als besonders erlebt hat, dann kann schnell Reaktanz erzeugt werden: 68 Prozent finden es übertrieben, wenn Kinderbücher umgeschrieben werden, in denen das Wort N*König vorkommt, 66 Prozent möchten nicht, dass aus Kinderliedern rassistische Stereotype entfernt werden. Das führt in der Konsequenz dazu, dass stereotype und diskriminierende Aspekte immer weiter fortgeschrieben werden. 

Ganz ähnlich ist es, wenn es um die eigenen Gewohnheiten geht: 60 Prozent der Befragten nervt es, wenn sie ihre eigene Sprache anpassen müssen, weil sie nicht so ganz sicher sind, wie sie Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe nennen sollen. 

Keine Veränderungen ohne Verlassen der Komfortzone 

Aber es ist unser Job, tatsächlich auch aus unserer Komfortzone rauszugehen und vielleicht auch mal Neues zu wagen. Auch in unserem Alltag. Auch in unserer Sprache. Und ein ganz wesentlicher Punkt ist dabei die Macht der inneren Bilder. 

Machen wir ein kleines Gedankenexperiment: Was sind die ersten Assoziationen zum Begriff 'arabischer Mann'? Die häufigsten Assoziationen der Befragten waren 'dominant' (61%), temperamentvoll (47%) und 'laut' (44%). Beim Begriff 'asiatische Frau' denken die meisten an Fleiß (58%), Disziplin (57%) und Bescheidenheit (55%). Der 'weiße Mann' ist aus Sicht der Befragten mit ganz vielen Leistungsattributen verknüpft, mit Pünktlichkeit (46%), mit Ordentlichkeit (45%) und mit Selbstbewusstsein (41%). Wenn man als 'Weiß' gelesen wird, dann ist man qua Geburt schon ausgestattet mit Privilegien, die Menschen mit anderer Hautfarbe, anderer Herkunft im Zweifel nicht haben. Und dieser Privilegien müssen wir uns bewusst werden, damit wir die nächste Generation anders und diverser mitprägen können. 

Darum ist Alltagsrassismus unser aller Thema. Wir müssen uns unserer eigenen 'blinden Flecken' bewusst werden und unsere Veränderungsträgheit überwinden. 

Die Bilder von heute prägen Generationen 

Wir dürfen nicht vergessen, wie mächtig die inneren Bilder sind, die wir kreieren und wie stark diese Bilder unsere nächsten Generationen prägen. Es ist höchste Zeit für Vielfalt. 

Das heißt, wir brauchen Vielfalt auf den Ebenen der Entscheider:innen und der Produzent:innen. Wir brauchen Geschichtenerzähler:innen vielfältigster Couleur, vielfältigster Herkunft, vielfältigster Interessen. Wir brauchen vielfältige Darsteller:innen und Held:innen. Dazu möchte ich Sie alle herzlich einladen – denn wir alle sind diejenigen, die das Morgen mitgestalten." 

Theresa Ebel (Head of Empathy, september Strategie & Forschung, ebel@september-online.com)