Auf dem Weg zu echter Nachhaltigkeit

Bei den Kinderwelten 2022 ging es auch um das Thema Nachhaltigkeit. Jörg Sommer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Umweltstiftung, erläuterte, warum heutige Konzepte von Nachhaltigkeit und Klimaneutralität allein die Welt nicht retten. Lesen Sie nachfolgend den Artikel und schauen Sie sich den Mitschnitt als Video an.

Jörg Sommer führte folgendes aus: "Ich möchte Ihnen heute etwas zumuten: Ein paar drastische Zahlen – und eine (vielleicht überraschend) kritische Auseinandersetzung mit zwei Konzepten, die heute sehr modern sind. Das eine ist das Konzept der 'Nachhaltigkeit' und das andere ist das Konzept der 'Klimaneutralität'. 

Unseren Planeten gibt es ungefähr seit 4,6 Milliarden Jahren. Das ist ein unglaublich langer Zeitraum, den man sich kaum vorstellen kann. Also verdichten wir den mal, streichen viele Nullen weg und kommen dann auf einen Zeitraum, mit dem wir als Menschen sehr viel besser umgehen können: 46 Jahre. 

Wenn die Erde 46 Jahre alt wäre, dann wäre der Mensch gerade mal vier Stunden auf diesem Planeten. Und das, was wir als 'moderne Industriegesellschaft' kennen, also den Komfort, den wir genießen, Strom, Elektrizität, die moderne Art zu wirtschaften und zu leben – all das wäre dann gerade mal eine Minute alt. In dieser einen Minute haben wir Menschen es tatsächlich geschafft, die Wälder unseres Planeten zu 50 Prozent abzuholzen, unsere Weltmeere zu rund 80 Prozent zu überfischen. Wir haben es geschafft, die natürliche Sterberate der Arten um 1.000 Prozent und den Energieverbrauch um 20.000 Prozent zu erhöhen. 

90 Prozent der Biomasse unseres Planeten sind heute anthropogen, werden also von Menschen genutzt, gezüchtet, gegessen. Bis 100 Prozent ist nicht mehr viel Raum. 

Der Raubbau an der Natur wird immer schneller 

Diese Entwicklung wird tatsächlich immer noch weiter beschleunigt. Und das ist auch das zentrale Problem, vor dem wir heute stehen: Trotz aller Bestrebungen, trotz aller Debatten, trotz aller Diskussionen um Umwelt und Klimaschutz sind wir heute noch immer in einer Situation, in der global diese negativen Entwicklungen immer mehr an Fahrt gewinnen. 

Deshalb suchen wir nach Lösungen – eine davon heißt 'Nachhaltigkeit'. Sie kennen vielleicht das berühmte Konzept der Nachhaltigkeit, das auf den drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales beruht und das immer noch in vielen Management-Lehrgängen gelehrt wird. Und dieses Bild soll uns dazu erziehen, den Ausgleich zu suchen zwischen Ökologie, Ökonomie und Sozialem. 

Das suggeriert eine Gleichwertigkeit. Und genau deshalb ist dieses Bild kompletter Unsinn. Denn der Planet Erde ist endlich. Man kann nicht anbauen. Es gibt keine zweite Erde dahinter, die wir aus der Tasche ziehen können. Alles, was wir sind und alles, was die Menschen nach uns sein werden, spielt sich auf diesem begrenzten Planeten ab. Es handelt sich um ein geschlossenes System: Die Natur setzt uns Grenzen, die Natur stellt uns Ressourcen zur Verfügung und innerhalb dieser Ressourcen ist es möglich zu wirtschaften. 

Deshalb geht es auch nicht darum, Ökologie und Ökonomie 'auszugleichen' – sondern es gilt zu akzeptieren, dass das Ökosystem unseres Planeten Grenzen setzt. Nur innerhalb dieser Grenzen können wir wirtschaften – und sollten es auch so tun, dass die Menschen etwas davon haben. Im Idealfall nicht nur die von heute, sondern auch die kommende Generation und die folgenden Generationen.  

Vom Mythos der 'Klimaneutralität' 

Es ist in letzter Zeit sehr beliebt geworden, dass klimaneutrale Unternehmen klimaneutrale Produkte klimaneutral per Paket an die Kunden verschicken. Aber das ist nicht korrekt. Man kann (und sollte) den CO2-Ausstoß senken – aber am Ende kann kein Unternehmen auf diesem Planeten jemals wirklich 'klimaneutral' sein. Denn die Rohstoffe werden nicht klimaneutral gefördert, die Produkte werden nicht klimaneutral hergestellt. Die Bewerbung dieser Produkte findet nicht klimaneutral statt und der Transport auch nicht. Immer wird CO2 emittiert, entweder beim Transport oder bei irgendwelchen Substitutionen.  

Sie brauchen allerdings auch als Unternehmen nicht wirklich klimaneutral zu sein, das ist gar nicht Ihre Aufgabe! Klimaneutralität funktioniert im Grunde ganz anders: Wir Menschen verursachen CO2-Ausstoß seit es uns gibt – allerdings zunehmend mehr. Und gleichzeitig gibt es bei uns auf unserem Planeten die Natur, die dafür sorgt, dass dieses CO2 wieder gebunden wird. 

Der beste CO2–Binder überhaupt ist der Wald. Aber wie wir gerade gesehen haben, haben wir die Hälfte der Wälder bereits abgeholzt. Wir emittieren immer mehr CO2 und lassen gleichzeitig der Natur immer weniger Raum, dieses CO2 zu binden. 

Das Problem lösen wir aber nicht, indem wir Produkte oder Unternehmen vermeintlich klimaneutral stellen. Das können wir nämlich im Grunde nur, wenn wir sogenannte Zertifikate kaufen. Und das ist am Ende nichts anderes als moderner Ablasshandel. 

Ein Beispiel: Die kommende Olympiade in Paris wird nicht klimaneutral sein. Tatsächlich behauptet das IOC, sie wird positiv sein. Warum? Weil einfach ein paar Zertifikate mehr gekauft werden. Das ändert natürlich nichts an der Menge an CO2, die diese Olympiade emittieren wird. Daran merkt man, dass dieses Konzept im Grunde nicht funktioniert. 

Genauso, wie es keine wirklich klimaneutralen Produkte gibt, so gibt es im Grunde auch keine nachhaltigen Produkte. Ein Beispiel aus meinem Umfeld: Einer meiner Nachbarn hat seit kurzem ein E-Auto als Dienstwagen zur Verfügung gestellt bekommen. Damit fährt er zur Arbeit, holt sich regelmäßig seine Brötchen vom 400 Meter entfernten Bäcker, fährt damit jeden Morgen seine Kinder in die Schule. In der Garage direkt daneben steht ein alter Volkswagen. Dieser Volkswagen hat nicht mal einen ordentlichen Katalysator (hat allerdings auch nur ungefähr 1/10 der Leistung moderner SUVs). Dieser Wagen steht 360 Tage im Jahr in der Garage, weil die Besitzerin konsequent auf öffentliche Verkehrsmittel und auf das Fahrrad setzt und nur dann das Auto nutzt, wenn es wirklich nicht anders geht. Dieser alte Pkw ist definitiv nicht als 'nachhaltig' zu bezeichnen, er wird steuerlich bestraft. Das E-Auto gilt dagegen als nachhaltig, es wird sogar steuerlich belohnt.  

Das Beispiel zeigt: Nachhaltigkeit ist ganz offensichtlich keine Produkteigenschaft – Nachhaltigkeit ist ein Nutzungskonzept. Es kommt nicht darauf an, was Hersteller auf das Produkt schreiben, sondern was die Kunden mit dem Produkt machen, wie intensiv wir es nutzen, wie lange wir es nutzen, wofür wir es nutzen. 

Spielerisch die Welt retten 

Kinder brauchen Spielzeug. Im Spiel verstehen, lernen und beherrschen Kinder die Dinge, die sie brauchen, um später Zukunft zu gestalten. Genau hier ist eine große Herausforderung und auch eine große Chance für Ihre Branche: Kinder dazu zu befähigen, die Probleme der Zukunft zu lösen  – einer Zukunft, die wir ihnen eingebrockt haben.  

Ich weiß nicht, wie diese Zukunft aussieht, aber ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass die Art und Weise, wie unsere Kinder in 20 bis 30 Jahren leben und wirtschaften werden, sich fundamental von dem unterscheidet, wie wir das heute tun. Und die entscheidende Frage wird sein: Unterscheidet sie sich deshalb, weil wir erkannt haben, dass wir die große Beschleunigung bremsen und seriöse Zukunftskonzepte entwickeln müssen? Oder unterscheidet sie sich deshalb, weil wir inzwischen weiter mit voller Beschleunigung auf die Mauer zu gerast sind? 

Es liegt in unserer Hand, vor allem liegt es aber in die Hand der jungen Generation von heute. Vielleicht kann der Homo ludens von heute, der seine Fähigkeiten erst noch im Spiel entwickelt, dem Homo sapiens von morgen die Chance geben, das Übermorgen noch zu erleben. Dafür können und müssen wir unsere Kinder heute ausstatten." 

Jörg Sommer (Vorstandsvorsitzender Deutsche Umweltstiftung)